5

BALLAST Was wir mit uns herumtragen Nicht nur Schränke und Regale füllen sich im Laufe der Jahre. Auch in unseren Herzen und Gedanken sammelt sich manches an. Zu diesem seelischen Ballast gehören Enttäuschungen, Sorgen, ungeklärte Konflikte, alte Verletzungen und Schuldgefühle. Manche Erfahrungen liegen offen vor uns, andere haben wir tief in uns verborgen. Doch selbst wenn sie längst vergangen scheinen, nehmen sie Raum ein und können unser Leben belasten. Oft tragen wir solche Lasten länger mit uns herum, als uns guttut. Wir halten an Kränkungen fest, die längst zurückliegen, oder machen uns Vorwürfe wegen Fehlern, die sich nicht mehr ändern lassen. Sorgen um die Zukunft und ungelöste Fragen kehren immer wieder in unsere Gedanken zurück. Wohin mit dem Ballast? So wie wir unsere Wohnung entrümpeln, tut es auch der Seele gut, innezuhalten und zu fragen: Was belastet mich? Worauf könnte ich verzichten? Was darf ich loslassen? Nicht alles lässt sich einfach wegwerfen wie ein alter Gegenstand. Aber manches kann ausgesprochen, vergeben oder Gott anvertraut werden. Wer loslässt, verliert nicht zwangsläufig etwas Wertvolles. Oft wachsen dadurch Dankbarkeit, Hoffnung und Vertrauen. Der Blick für das, was wirklich wichtig ist, wird frei. Schon Johann Wolfgang von Goethe hat diese Erfahrung in einem Gedicht beschrieben: Im Atemholen sind zweierlei Gnaden: Die Luft einziehn, sich ihrer entladen; Jenes bedrängt, dieses erfrischt; So wunderbar ist das Leben gemischt. Du danke Gott, wenn er dich presst, Und dank ihm, wenn er dich wieder entlässt. Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832), West-östlicher Divan, „Buch des Sängers“, entstanden 1814–1819. Wie beim Atmen gehören auch im Leben Festhalten und Loslassen zusammen. Wir nehmen Erfahrungen, Erinnerungen, Begegnungen und Verantwortung für andere Menschen in uns auf. Doch wir können nicht alles dauerhaft mit uns tragen. Manches hat seinen Platz und darf bleiben, anderes dürfen wir loslassen. Ein aufgeräumtes Herz ist nicht frei von Wunden, Enttäuschungen und Sorgen. Aber es weiß, dass es all das Gott anvertrauen kann, der trägt, was uns zu schwer wird. Freiheit durch Loslassen Loslassen klingt leicht, ist aber oft ein schwerer Schritt. Viele Dinge bewahren wir aus Verbundenheit auf. An ihnen hängen Erinnerungen, Geschichten und manchmal auch Menschen, die uns wichtig sind. Ähnlich ist es mit dem, was wir in unserem Inneren mit uns tragen: Sorgen, Schuldgefühle, Verletzungen oder ungeklärte Fragen. Wir dürfen all das vor Gott bringen. Das bedeutet nicht, die Vergangenheit zu vergessen oder Schwierigkeiten zu verdrängen. Es bedeutet, darauf zu vertrauen, dass Gott uns begleitet. Das Evangelium ist eine Botschaft der Befreiung. Wir müssen nicht alles festhalten und nicht alles allein bewältigen. Was wir loslassen, fällt nicht ins Leere. Es fällt in Gottes Hand. Dort ist es geborgen. Vielleicht wird dadurch nicht nur das Haus ein wenig leerer und der Kopf leiser. Vielleicht kehrt auch mehr Frieden in unser Herz ein, und wir finden neue Kraft für den Weg, der vor uns liegt. Joachim Prinz SÜDWIND 109 | 2026 Juni–August 5

6 Publizr Home


You need flash player to view this online publication