BALLAST Und was kann jetzt weg? Vor gut zehn Jahren brachte die Band „Silbermond“ das Lied „Leichtes Gepäck“ heraus. In dem Text heißt es: „Und eines Tages fällt dir auf, dass du 99 % davon nicht brauchst. Du nimmst allen Ballast und schmeißt ihn weg. Denn es reist sich besser mit leichtem Gepäck.“ Es geht um das Loslassen können, Entrümpeln der Wohnung und des ganzen Lebens. Wahrer Lebenswert entstehe nicht durch materiellen Besitz, man solle sich auf das Wesentliche konzentrieren. Doch was ist das Wesentliche? Diese Frage spielt in allen Religionen eine Rolle. Im Buddhismus z. B. soll man sich frei machen von den Bindungen zur Welt. Die weltliche Existenz wird als Ursache von Leid angesehen. Es geht darum, die vergängliche Natur der Welt zu durchschauen, um nicht mehr an ihr zu haften und so echtes inneres Glück zu finden. Im Christentum haben wir mitunter ein ähnliches Bild davon, wie Jesus zur Welt stand. Die Jahrhunderte hindurch haben Christen ihren Jesus immer wieder so gesehen, nämlich als einen Wanderprediger aus Galiläa, der Armut predigte. Er sagt ja auch zu seinen Jüngern: Ihr sollt weder Gold noch Silber noch Kupfer in euren Gürteln haben, auch keinen Reisesack für den Weg, auch nicht zwei Hemden (eigentlich ist ein Unterhemd gemeint), keine Sandalen und keinen Wanderstock. (Mt. 10,9-10). Scheinbar ist Jesus der Erfinder des leichten Gepäcks. Ich frage mich allerdings, ob diese Verse tatsächlich als Packzettel für meinen Rucksack gemeint sein können. Denn wer so auf Wanderschaft geht, ist ganz schön blank. Als Wanderer hätte ich ganz gerne Schuhe und einen Stock dabei, damit ich nicht wehrlos bin gegen Dornen, spitze Steine und streunende Hunde. Der Vers steht in der Aussendungsrede Jesu. Als Jesus durch Galiläa zog, heilte er Kranke und erklärte Menschen in seiner Bergpredigt, wie sie Anteil haben können an dem anbrechenden Reich Gottes und wie sie damit ihr Leben reich machen können. Die Menschen, so lesen wir im Matthäus-Evangelium, schmachteten nach dieser Botschaft so sehr, dass es Jesus Leid tat. Darum sendet er seine Jünger aus, um an seiner Stelle zu handeln: Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt böse Geister aus (Mt 10,8). Von einem guten Jünger Jesu kann man also Wunder erwarten. Und die Jünger lassen sich senden, weil sie wissen, dass Jesus etwas für sie hat. Dass sie, wenn sie sich auf seine Botschaft einlassen und diese zur Richtschnur ihres Lebens wird, einen Schatz im Himmel haben. Will sagen: dann erhält das Leben einen Sinn, weil ich mich einschwinge auf das Reich Gottes, in dem ich einen Platz haben werde. Für Matthäus ist ganz wesentlich, dass ein Mensch, der sich derart von Jesus ansprechen lässt, mit dieser Botschaft nicht allein bleiben kann. Am Ende des Evangeliums steht die Missionsrede: Gehe hin in alle Welt, lehret alle Völker! Das gibt Jesus seinen Jüngern, somit jedem von uns, auf. Reden wir von dem, was uns Jesu schenkt und womit er uns reich macht! Das Festhalten an Gegenständen kann bei der Erfüllung unseres Auftrages hinderlich sein, wenn sich der Fokus verschiebt, nämlich weg von Jesu Botschaft und nicht mehr auf die Welt gerichtet. Leichtes Gepäck an sich ist nicht das Anliegen Jesu. Wenngleich das Sich-Einlassen auf das Reich Gottes Freiheit braucht von dem, was mich im Leben von Gott ablenkt. Leichtes Gepäck kann mir den Weg zum Wesentlichen erleichtern, und das ist das Reich Gottes und der Weg zu meinem Nächsten, dem ich davon erzähle. Dietmar Otte 6 SÜDWIND 109 | 2026 Juni–August
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