4

BALLAST Ein Haus wird leerer, der Kopf leiser Warum Loslassen schwerfällt und warum es der Seele guttut Aufräumen und Entrümpeln sind nicht dasselbe. Das habe ich bei einer größeren Aufräumaktion selbst erlebt. Während Aufräumen Ordnung schafft und Dinge an ihren Platz bringt, geht Entrümpeln einen Schritt weiter. Es bedeutet, sich von Überflüssigem zu trennen. Dabei geht es nicht nur um Gegenstände, die sich über Jahre angesammelt haben. Oft stoßen wir dabei auch auf Ballast, den wir innerlich mit uns herumtragen. Manche Dinge finden fast unbemerkt ihren Weg in unser Leben und bleiben länger, als wir ursprünglich gedacht haben. Im Laufe der Jahre sammeln sich unzählige Gegenstände, Geschenke, Andenken, Fotos oder Sachen aus vergangenen Lebensabschnitten an. Irgendwann erkennen wir, wie viel Raum diese Dinge inzwischen in unserem Leben einnehmen. Viele Menschen kennen dieses stille Ersticken an den eigenen Dingen. Der Schreibtisch ist überfüllt, der Kleiderschrank platzt aus allen Nähten, und auf dem Dachboden oder im Keller stehen Kisten, die seit Jahren nicht geöffnet wurden. Vieles davon wird längst nicht mehr gebraucht. Dennoch zögern wir oft, uns von ihnen zu trennen, weil sie uns an Menschen, Orte, Geschichten und besondere Zeiten erinnern. Als die Vergangenheit aus den Schubladen kam Auch bei mir hatte sich im Laufe der Jahre mehr angesammelt, als mir bewusst war. So begann ich eines Tages, nicht ganz freiwillig und mit einigem Widerwillen, eine größere Aufräumaktion. Zunächst fühlte es sich eher nach Arbeit als nach Befreiung an. Ich räumte Schreibtisch, Schränke und Schubladen aus. Dabei kamen zahlreiche Dinge zum Vorschein, die längst keine Bedeutung mehr hatten: alte Unterlagen, Zeitschriften, Notizen und Kleidungsstücke, die seit Jahren ungenutzt geblieben waren. Zeitweise schien das Durcheinander eher größer als kleiner zu werden, und ich fragte mich, ob jemals wieder Ordnung einkehren würde. Während ich Gegenstand für Gegenstand in die Hand nahm, gingen meine Gedanken zurück in vergangene Zeiten. Erstaunlicherweise waren es nicht die großen Entscheidungen, die mir schwerfielen, sondern die kleinen. Viele Dinge waren mit wichtigen Lebensabschnitten verbunden: mit der Arbeit in einer Textilfabrik, der Bundeswehrzeit, den Jahren des Studiums und dem langen Berufsleben. Mit jedem Gegenstand tauchten Erinnerungen auf, und längst vergangene Momente wurden wieder lebendig. Was bleibt, wenn Dinge gehen Wir bewahren vieles auf, weil wir glauben, damit ein Stück unseres Lebens festhalten zu können. Doch manches, was wir festhalten, hält am Ende uns fest. Schränke, Regale und Dachböden werden voller, während der Raum für Neues kleiner wird. Nicht alles, was einmal wertvoll war, muss für immer aufgehoben werden. Erinnerungen verlieren ihren Wert nicht, wenn ein Gegenstand geht. Sie leben in uns weiter. Wer etwas wertschätzt, darf auch dankbar Abschied nehmen. Am Ende war mein Wohnbereich deutlich leerer und ordentlicher. Vor allem aber spürte ich eine innere Erleichterung. Mir wurde bewusst, dass Aufräumen mehr sein kann als eine praktische Tätigkeit. Es ist zugleich eine Begegnung mit der eigenen Lebensgeschichte. 4 SÜDWIND 109 | 2026 Juni–August

5 Publizr Home


You need flash player to view this online publication